Das Geheimnis des goldenen Engels

Leseprobe

Cleo und Teddy 

Mühsam schob sie dieses schwarze Fahrrad den Berg hinauf. Es ächzte, quietschte und kratzte auf dem dunklen Asphalt, weil das Hinterrad fehlte. Dunkel war auch der Himmel. Es roch nach Vanille.

- Wieso riecht es nach Vanille? –

Cleo wachte auf. Sofort saß sie aufrecht im Bett und lauschte. Dann musste sie lachen. Das kratzende Geräusch kam von der Tür und sie konnte sich schon denken, wer dort scharrte und fiepte. »Teddy!«, rief sie und lief zur Tür. Kaum, dass sie einen Spalt weit offenstand, quetschte sich der Hund ungeduldig hindurch, flitzte zweimal quer durchs Zimmer, wobei er sich fast überschlug. Mit dem kleinen Bettvorleger unter den Pfoten rutschte er schließlich Cleo vor die Füße und sprang an ihr hoch. Dabei wedelte er so heftig, dass der Popo nach links und rechts ausschwenkte. Cleo hob ihren übermütigen Freund in die Höhe, hielt ihn jedoch auf Abstand, damit er ihr nicht das Gesicht abschleckte.

»Du bist so süß!«, rief sie.

»Aber waschen möchte ich mich lieber mit Wasser.« Von unten hörte sie nun die Stimme ihrer Mutter: »Cleo?«

Sofort zappelte Teddy, sodass sie ihn loslassen musste. Im Nu war er auf der Treppe, Cleo hörte sein Trippeln und er schien im nächsten Moment schon in der Küche zu sein, wo er vermutlich den gleichen Tanz aufführte, denn sie hörte ihren Bruder lachen.

Während Cleo die Jeans anzog, sah sie schnell auf den Kalender und zog einen zerknitterten Zettel unter ihrem Kopfkissen hervor. Sie las ihre Notizen:

Seit ihrem Fahrradunfall vergaß sie immer wieder etwas, wollte aber nicht, dass es jemand bemerkte. Der Vanillegeruch stieg ihr wieder in die Nase und sie entschied sich schnell für den hellblauen Pullover. Hatte da jemand schon gebacken oder Pudding gekocht?

Als Cleo in die Küche kam, saßen bereits alle am Frühstückstisch, Mama, Papa und ihr Zwillingsbruder Paul. Teddy lag in seinem Körbchen im Flur und hatte seufzend seine Schnauze auf die Vorderpfoten gelegt, als sie vorbeiging. Dieser Hund dachte eben nur ans Fressen!

»Na, du Langschläferin«, meinte Papa fröhlich. »Wie wärs denn mit einer frischen Waffel?«

»Hhmm«, machte Cleo. »Lecker! Hab‘ ich heute Geburtstag?«

»Das wüsste ich aber«, rief Paul mit vollem Mund. Wahrscheinlich aß er schon seine dritte Waffel mit Nougatcreme, so wie er aussah.

Papas Waffeln waren unschlagbar. Cleo aß, bis sie nicht mehr ‘papp‘ sagen konnte und steckte das letzte Herzchen in die Tasche ihrer Strickjacke. Schließlich hatte der arme Teddy schon den ganzen Morgen diesen wunderbaren Geruch in der Nase, da konnte sie ihn doch nicht leer ausgehen lassen.

Beim Abräumen meinte Paul beiläufig:

»Du, Cleo, kann ich deine Gummibärchen haben? Du magst sie doch nicht.«

Cleo wurde hellhörig.

Sie hatte schon seit einiger Zeit den Verdacht, dass Paul ihre Vergesslichkeit bemerkt haben könnte und sie für seine Zwecke ausnutzte. Neulich hatte er behauptet, sie sei dran, den Müll rauszubringen und da sie es nicht mehr wusste, konnte sie nichts dagegen sagen.

Wollte er sie nun schon wieder reinlegen? Sie sah ihm forschend ins Gesicht, das ihrem so ähnlich war. Die gleiche Stupsnase mit Sommersprossen, die braunen Augen, der leicht schiefe Mund, der immer etwas spöttisch aussah.

Cleo mochte tatsächlich keine Gummibärchen, konnte sich aber nicht erinnern, ob und wo sie welche haben könnte.

Auf gut Glück antwortete sie:

»Ja, ok. Aber ich brauche auch welche. Wir können sie teilen. Holst du sie?«

Paul nickte. Wirkte er etwa enttäuscht? Als er mit der Tüte zurückkam (wo die wohl gewesen war?), grinste er aber.

»Schon klar, du musst das Experiment ja auch machen!« Cleo hatte immer noch keinen Schimmer, wovon er redete, nickte aber selbstbewusst mit dem Kopf.

»Eben!«, sagte sie.

Sie würde schon noch herausfinden, um was es ging. Etwas ratlos fühlte sie sich trotzdem.

Hoffentlich würde ihr Gedächtnis bald wieder funktionieren. Wie sollte sie sonst Vokabeln und anderes lernen?

Die Mutter kam und brachte zwei kleine Tüten, damit sie die bunten Bärchen verpacken konnten. Dann schloss sie das Fenster und schimpfte: »Müssen die denn heute, am Samstag so einen Lärm da draußen machen?«

Das war anscheinend Teddys Stichwort. Er sprang auf und kläffte wütend. Ein perfekter Krach: Presslufthammer, Schimpfen, Bellen!

»Soll ich meine Trommel holen?«, rief der Vater, der auf dem Weg zum Einkaufen an der Küchentür stehenblieb.

Alle lachten. Cleo ging zu ihm: »Kann ich mitkommen? Ich muss noch Hundefutter besorgen.«

Papa hatte nichts dagegen und Cleo freute sich, dass sie das Futter nicht vergessen hatte.

   Die Sonne schien, der Mai war dieses Jahr ungewöhnlich warm. Cleo zog ihre Jacke aus und warf sie auf den Rücksitz des Wagens.

Ihr Vater fuhr auf die Straße, hielt aber bei der Baustelle noch einmal an und öffnete die Tür.

»Guten Morgen«, rief er den beiden Arbeitern zu. Der Lärm hatte aufgehört, doch sie reagierten nicht. »Ich wüsste aber gern, was die hier treiben«, murmelte er und stieg aus. Das wollte Cleo auch wissen und ging mit ihm zu den Beiden, die auf dem Gehweg ein Loch buddelten, nachdem sie den Asphalt aufgebrochen hatten.

Auf seine direkte Frage, was sie da täten, antwortete einer unfreundlich, sie müssten die Gasleitung reparieren.

»Ist das nicht gefährlich?«, fragte Cleo später, als sie wieder im Auto saßen.

»Nein, sie haben sicher das Gas abgestellt«, meinte ihr Vater und fuhr fort:

»Komisch, dass ich gar nichts davon mitbekommen habe. Wahrscheinlich wurden wir benachrichtigt, als du noch im Krankenhaus warst, da haben wir uns um nichts anderes gekümmert.«

Er sah in den Rückspiegel und lächelte Cleo zu.

»Ich bin so froh, dass du wieder ganz gesund bist!«

Cleo lächelte auch.

Zwar war auch sechs Wochen nach ihrem Unfall noch nicht alles in Ordnung mit ihr, aber sie hütete sich, darüber zu reden. Sonst würde sie doch noch zur Kur geschickt werden. Ohne ihre Familie und vor allem ohne ihren neuen Hund. Das ginge auf gar keinen Fall!

Im Supermarkt waren sie bei der Auswahl des Hundefutters wie immer unsicher und Cleo erklärte, sie würde ihre Nachbarin Melissa später mal danach fragen. Die war schon 17 und kannte sich gut mit Tieren aus, hatte sogar schon mal im Tierheim gearbeitet. Teddy war immer ganz aus dem Häuschen, wenn er sie sah und tat so, als würde er sie schon Jahre kennen.

Aber er war auch ein besonders freundlicher Hund, dachte Cleo und wäre am liebsten sofort wieder zurückgefahren vor lauter Sehnsucht nach ihm. In der Warteschlange vor der Kasse konnte sie kaum stillstehen.

Endlich hielt ihr Wagen wieder vor ihrem Haus und Cleo sprang hinaus.

»He, he!«, rief ihr Vater. »Hol deine Jacke und hilf mir beim Tragen!«

Schnell stopfte Cleo die Strickjacke in den Korb mit dem Hundefutter und lief zur Haustür, hinter der Teddy schon ungeduldig bellte.

Und wieder folgte eine Begrüßung, als hätten sie sich wochenlang nicht gesehen.

Anschließend zerrte der Hund Cleos Jacke aus dem Korb und schleifte sie zu seiner Hundedecke. Dabei fiel das Waffelherz heraus. Ach, herrje. Das hatte sie ja ganz vergessen.

Bevor es jemand bemerken konnte, hob Cleo das Gebäck auf und warf es Teddy zu. Der schnappte einmal danach und schon war es verschwunden.

»Jetzt bekomme ich aber meine Jacke wieder, du Schlingel!«, lachte Cleo.


Auch die Hündin meldet sich immer wieder zu Wort:


                    Kleopatra 1

 

Also, die Menschen sind schon komisch. Sie sind so schlau und haben immer was zu fressen in ihrer Hütte, aber meinen Namen wussten sie bis heute nicht. Wenn ich sprechen könnte, hätte ich ihnen gesagt, dass ich Kleopatra heiße, aber leider sind die Laute der Menschensprache zu kompliziert, als dass eine kleiner Hund wie ich sie bellen könnte.

Na gut, Cleo wäre auch ok, jedenfalls besser als Teddy. Ich bin doch kein Bär!

Obwohl, gegen so ein kleines buntes Bärchen aus der Rascheltüte hätte ich nichts einzuwenden. Roch lecker. Süß!

Was die Menschenwelpen damit gemacht haben, weiß ich aber nicht, denn ich lag unter dem Tisch und bin eingeschlafen.

Ansonsten bin ich sehr zufrieden mit meiner neuen Menschenfamilie. Wir haben viel Spaß zusammen und sie riechen so gut, vor allem ihre Welpen.

Nach Kuchenherz mit Zuckerschnee und Schokoladenpampe.

Aber sie sind auch dringend auf meine Hilfe angewiesen, wie ich immer wieder bemerke.

Denn obwohl sie so klug sind, können sie vieles nicht. Sie hören schlecht und riechen keinen Meter weit.

Erst gestern habe ich die Witterung von zwei Männchen aufgenommen, die ein tiefes Loch gebuddelt hatten. Sie gehören zu der Sorte Mensch, die böse ist, damit kenne ich mich aus. Ich werde sie im Auge behalten und meine Familie beschützen.

Übrigens macht die gerade etwas, was ich nie verstehen werde. Sie sitzt stundenlang vor einem flachen bunten Kasten in dem kleine Artgenossen von ihnen herumlaufen und bemerken nicht, dass die gar nicht echt sind. Das ist doch wirklich seltsam. Dabei riechen diese falschen Menschen nach nichts.

Heute Nachmittag war noch Besuch da. Es war ein älteres Weibchen, das wohl zu ihrem Rudel gehörte, das merkte ich am Geruch. Sie nannten es ‘Oma‘ und sie hatten sich wohl beim Gassi gehen getroffen. Ohne mich!  

Aber ich habe manchmal auch gern meine Ruhe.

Als sie zurückkamen, zeigte diese Oma auf mich und sagte: »Ach, da ist ja Cleo Zwo!«

Alle lachten. Seitdem probieren sie, ob ich auf diesen Namen auch reagiere und ich tue ihnen den Gefallen. Ich bin ja glücklich, dass ich ein so schönes neues Zuhause gefunden habe mit Menschen, die mich lieben.

Zum Dank küsse ich sie jeden Morgen, wenn sie mich lassen.

Wir Hunde sind sehr geduldige Tiere und sehr nachsichtig mit unseren Menschen. Wir lieben sie, egal, wie sie sind oder was sie tun und wir riskieren unser Leben, um sie zu beschützen.

Jeden Wunsch lesen wir ihnen von den Augen ab, wollen alles recht machen.

Das war auch in meiner alten Familie so. Nur manchmal waren sie nicht einverstanden mit dem was ich tat, aber das war immer nur ein Missverständnis. Zum Beispiel, wenn ich aus dem Korb mit den gut riechenden Sachen etwas herausnahm und es meiner Menschin morgens ganz liebevoll auf das Kopfkissen legte.

Dann schrie sie immer: »Iiih, nein! Nicht schon wieder diese Stinkesocken!«

Dabei wollte ich ihr doch nur zeigen, wie sehr ich ihren Geruch liebte. Aber was stinken bedeutet, das weiß ich. Das riefen sie nämlich jedes Mal, wenn ich mich zur Hautpflege in einem dieser wunderbaren Kuhfladen wälzte. Danach musste ich immer in die Badewanne und alles war umsonst gewesen.

Dabei finden sie doch mein Kacka so toll, dass sie es jedes Mal in einer Tüte verpacken und sammeln. Als ob ich das nicht wüsste!

Aber wie gesagt, wir verzeihen ihnen fast alles. Nur nicht, wenn sie uns schlecht behandeln, uns wehtun oder uns verlassen.

Das war eine schlimme Erfahrung, als sie mich damals in einem Wald aussetzten und einfach verschwanden. Ich glaube, wenn ich sie wieder mal träfe, wäre ich nicht mehr so nett zu ihnen.


Hilfe ~ Ich bin ein Hund!

 

 

 

 

Neuauflage im

Epubli Verlag

ISBN 978-3-757518-15-8

Taschenbuch - 92 Seiten - 7,99 €

Leseprobe

Ich bin ein Hund!

 

Die Welt kommt ihr auf einmal so groß vor.

Riesige Bäume, das Gras so hoch. Ganz merkwürdige Farben. Doch sie kennt diesen Park.

Es ist warm, sie fängt an zu hecheln. Versucht, zu sprechen, doch entfährt ihr nur ein heiserer Laut. Es klingt wie: „Wuff.“

Sie will ihr Gesicht berühren und sieht eine kleine straßenköterblonde Pfote.

Als sie sich setzt, spürt sie ein Körperteil, das vorher noch nicht an dieser Stelle war. Also, Popo wieder hoch, Augen nach hinten.

Ich bin ein Hund!

Cleo ist fassungslos.

Wie kann das sein? Träumt sie vielleicht?

Vorsichtig bewegt sie sich in Richtung Teich. Eine Ente quakt sie böse an.

Das gekräuselte Wasser vertreibt alle Zweifel:

Cleo befindet sich im Körper eines kleinen zottigen Vierbeiners. Aber wie ist das möglich?

Cleo weiß nicht, ob sie lachen oder weinen soll.

Langsam, sehr langsam, stellt sich eine Erinnerung ein. Sie hatte einen Unfall. Krankenwagensirene. Mamas Stimme, überlaut, panisch: „Sie bewegt sich nicht mehr!“

Krankenhaus. War sie tot? Beginnt gerade ihr nächstes Leben? In einem Hund?

Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden. Cleo dreht sich um. Sie erkennt das Krankenhausgebäude.

Vor zwei Jahren haben sie dort Oma besucht. Den Besuch wird sie nie vergessen. Diese vielen Schläuche und Geräte, die bedrückende Stimmung. Ihr Bruder und sie waren heilfroh, als sie wieder draußen waren.

Aber die Oma ist wieder gesund geworden. Dieser Lebenswille, haben alle gesagt, der liegt in der Familie.

Sie fragt sich, ob hier vielleicht nur ihr Geist unterwegs ist, während sie da drüben friedlich in einem Bett liegt.

Ich müsste irgendwie in das Krankenhaus hineinkommen, um meinen Körper zu finden, denkt Cleo.

Ihr ist klar, dass dies in ihrem jetzigen Zustand nicht leicht sein wird.  

Sie müsste einfach blitzschnell und geschickt durch Türen und Flure sausen. –

Allerdings bringt sie nur ein paar hilflose Hopser zustande, als sie ihre vier Pfoten in Bewegung setzt.

Damit kann sie Plan A schon mal vergessen.

Cleo schnüffelt. Sie hat da einen Geruch in der Nase, das muss die Krankenhausküche sein. Die bereiten wohl das Mittagessen vor. Kartoffelbrei, Fleischklößchen und Gemüse. Unglaublich! Obwohl das Gebäude gut 100 Meter entfernt ist, kann sie es riechen, als stünde der Teller vor ihr.

Wieder bemüht sie sich, vorwärts zu kommen. Das kann doch nicht so schwer sein, auf vier Beinen zu laufen. Schließlich kann ja auch jedes Baby krabbeln!

„Schau mal, Mama!“, hört sie plötzlich die mitleidige Stimme eines Mädchens. „Der arme Hund dort!“

Die Kleine läuft an der Hand ihrer Mutter und deutet mit dem Zeigefinger auf das zottelige Tier, in dem nun Cleo steckt.

Diese  fühlt  sich  in  ihrer  neuen  Hundeehre  gekränkt und versucht ein fröhliches Bellen. Gleichzeitig wedelt sie heftig mit diesem ungewohnten Körperteil am Po und springt in die Höhe.

Doch sie ist so beschäftigt mit Bellen und Wedeln, dass sie bei der Landung ihre Vorderbeine vergisst. Mit der Schnauze im Matsch endet dieses unwürdige Gehampel.

Die Ente lacht sie aus.

„Bitte, bitte, Mama“, ruft jetzt das Mädchen. „Können wir den Hund nicht mit nach Hause nehmen?“

„Um Gottes Willen!“ Die Mutter rümpft die Nase. „Der hat doch bestimmt Flöhe!“

Sofort fängt Cleos geliehenes Hundeohr zu jucken an. Sie muss sich sehr beherrschen, um sich nicht zu kratzen. Nach einigen Verhandlungen erlaubt die Frau jedoch der Tochter, dem Hund die Hälfte ihres Brötchens abzugeben.

Cleo wedelt wieder eifrig mit dem Schwanz, um ihre Begeisterung zu zeigen. Jetzt merkt sie erst, wie hungrig und schwach sie ist. Die beiden Wohltäter entfernen sich zufrieden, als Cleo nach dem Brötchen schnappt.

Gar nicht so einfach, ohne Hände zu essen. Warum mochte sie eigentlich nie Leberwurst? Die schmeckt doch köstlich!

So gestärkt, fasst sie wieder neuen Mut.

Sie überlegt. Zum Glück hat sie den Verstand eines Menschen. Sicherheitshalber sagt sie im Geiste das Einmaleins mit der Sieben auf. Funktioniert noch. Für diese Reihe hatte sie am längsten lernen müssen.

Cleo heißt eigentlich Claudine. Ihr Vater hatte ihr einmal erzählt, dass sie sich selbst als Kleinkind so genannt hatte und dabei war es dann geblieben. Cleo hatte gelacht und gemeint: „Zum Glück habe ich damals nicht Clo gesagt!“

Dabei fällt ihr ein, dass sie als Hund auch dieses Thema überdenken muss. Ganz wichtig in dieser Frage ist wohl, ob sie in einem männlichen oder weiblichen Tier steckt. Wie peinlich, wenn sie beim Pinkeln umfällt, nur, weil sie es nicht schafft, auf drei Beinen zu stehen.

Doch beim nächsten Baum hockt sie sich einfach hin und denkt erleichtert: Ich bin ein Hundemädchen!

Nun probiert sie nach und nach alle neu erworbenen Körperteile aus. Hebt einzelne Beine, probt den Zweibeinstand in allen Variationen, springt hoch und dreht sich im Kreis. Hundeballett!, denkt sie und muss laut lachen: „Wau, wau, wau!“

Erschrocken flattert die Ente auf und flüchtet unter lautem Protest vor diesem unheimlichen Tier in die Mitte des Teiches.

 

Cleo streckt sich und gähnt. Nach Hause, sie möchte jetzt unbedingt nach Hause! Entschlossen trabt sie los. Sie weiß, in welche Richtung sie laufen muss.

...

Schnauzbart und Pappnase

 

 Cleo hat alles gegeben, um von ihrer Familie beachtet und verstanden zu werden.

Doch dann hatte sie diesen Typen entdeckt. Er verschwand gerade in dem Café mit dem goldenen C über dem Eingang.

Der war es gewesen! Sie hatte noch ganz deutlich sein Gesicht vor Augen, als er die Autotür plötzlich öffnete. Ein Glatzkopf wie eine Pampelmuse, mit großer Brille und einem grauen Schnauzbart.

Sie konnte nicht mehr ausweichen und blieb mit dem rechten Fuß an der Tür hängen. In diesem Moment hatten sich ihre Blicke getroffen.

Danach stürzte sie in ein tiefes, dunkles Loch.

Sicher war es keine Absicht gewesen. Der Mann hatte einfach nicht aufgepasst, nicht zurückgeschaut.

Aber warum hatte er sich nicht gemeldet, sich nicht entschuldigt?

Ihre Familie wusste noch nicht einmal, dass jemand an dem Unfall beteiligt gewesen war!

Sie sah sich nicht mehr nach ihnen um und folgte dem Typen bis zum Eingang des Cafés.

Die Tür öffnete sich und ein wunderbarer Geruch stieg ihr in die Nase. Torte, Gebäck, Eiscreme, Kaffee, Kakao, Käsetoast und Hotdog. ‚Hunger!‘, war alles, was sie noch denken konnte.

Kurz entschlossen flitzte sie um das Haus herum, zum Hintereingang des Gebäudes.

Hier roch es leider weniger gut. Abfalleimer, leere Dosen und Plastikgefäße, in denen sich die unterschiedlichsten Lebensmittel befunden hatten und aus den geöffneten Klofenstern stank es. Nase zuhalten? Schwierig als Hund.

Aber lagen dort nicht noch Wurstreste auf dem Pappteller? Besser als nichts. Sie schnappte nach den Stücken und tappte dann vorsichtig in den dunklen Flur des Hauses hinein. Immer der Nase nach. War ganz einfach als Hund!

Durch eine Schwingtür lief ein Kellner schnellen Schrittes in die Küche. Im letzten Moment duckte Cleo sich hinter ein Fass.

Und dann kam er: Der Glatzkopf aus dem Lieferwagen!

Cleo schlug das Herz bis zum Hals, als sie um die Ecke linste und sein finsteres Gesicht sah. Der Kellner tauchte wieder auf, schaute sich nach allen Seiten um und steckte ihm ein kleines Päckchen zu.

„Sieh zu, dass du morgen hier verschwunden bist“, zischte er dabei.

„Sobald du alles geliefert hast, du Pappnase“, zischte der Schnauzbart zurück.

Cleo merkte sich jedes Detail, Aussehen, Stimme, vor allem die Gerüche. Diese beiden zwielichtigen Gestalten würde sie überall wiederfinden. Und auch das Päckchen verströmte einen sonderbar süßlichen Geruch!

Cleos Nase juckte plötzlich entsetzlich. Und während sie noch überlegte, ob Hunde niesen können, entfuhr ihr schon ein heftiges “Tsi“. Schnell verschwand sie hinter ihrer Tonne und hoffte, niemand hätte sie gehört.

Doch plötzlich war es völlig finster. Jemand hatte die Hintertür geschlossen und kam auf sie zu. Pappnase! Cleo erkannte ihn am Geruch.

Der Mann kam immer näher, sie saß in der Falle. Er knipste das Licht an. Cleo sah erschrocken, dass er ein langes Messer in der Hand hielt.

Doch als der Kellner sie entdeckte, lachte er laut auf. Was er sagte, war allerdings weniger lustig: „Ein zotteliges Plüschtier mit Schnupfen! Sei froh, dass wir hier nicht in China sind, da essen sie so was!“

Drohend baute er sich vor ihr auf. Cleo hatte keine Wahl, sie musste die Flucht nach vorn antreten. Mit einem wütenden Knurren sprang sie an dem Kellner vorbei, drehte sich um und schnappte nach seinem Hinterteil, sodass die schwarze Hose nach unten rutschte und er bei dem Versuch, sich umzudrehen, ins Stolpern geriet. Er fluchte laut und ungehörig und Cleo wich zurück. Der Glatzkopf war anscheinend wieder verschwunden.

In diesem Moment öffnete sich die Tür zum Café und eine blondgelockte Kollegin rief: „Anton, wo bleibt der Toast Hawaii?“

‚Hätte ich auch gern‘, dachte Cleo und preschte wieselflink an der Bedienung vorbei in das Café. Als sie deren Rock streifte, zuckte sie zusammen: „Anton, da ist eine Ratte!“, kreischte sie entsetzt.

Cleo musste grinsen und stellte sich vor, wie das bei diesem Hund, in dem sie gerade steckte, wohl aussah. Sie schaute sich im Lokal um.

Zu ihrer Überraschung war sie hier nicht der einzige Hund. Unter einem Tisch, an dem sich drei ältere Damen lebhaft unterhielten, lag ein kleiner, schwarzer Pudel. Zur Begrüßung wedelte er freundlich mit seinem Schwanzstummel und Cleo legte sich unauffällig neben ihn.

Doch ausgerechnet an diesem Tisch war der Toast bestellt worden. Cleo blieb fast das Hundeherz stehen, als dieser kriminelle Kellner kam und sie seine glänzenden Lackschuhspitzen unter der langen Tischdecke erkannte.

„Einmal Toast Hawaii“, schnarrte seine unsympathische Stimme.

„Na, das wurde ja auch Zeit“, erwiderte des Pudels Frauchen. „Wir wollen schließlich zum Abendessen wieder daheim sein“, witzelte ihre Nachbarin. Es folgte meckerndes Gelächter.

Eine Zeitlang wagte Cleo nicht, sich zu bewegen, während der alte Pudel neugierig an ihr schnüffelte. Da erschien plötzlich die Hand der Dame.

Cleo  leckte  sich  das  Maul:  Schinken!  Mehrmals wurde diese Köstlichkeit hinuntergereicht und das gutmütige Tier neben ihr teilte hundebrüderlich mit ihr.

Fieberhaft überlegte Cleo, wie sie möglichst unbemerkt dieses Café verlassen könnte.

Als sie einmal unter der Spitzendecke hervorlugte, sah sie den Kellner, der sich suchend umsah. Also vermutete er sie wohl noch im Lokal.

Sofort zog sie den Kopf zurück. An der anderen Seite des Tisches entdeckte sie eine große Topfpflanze. Stumm verabschiedete sie sich von dem netten Pudel und versteckte sich hinter dem Blumentopf. Von hier aus hatte sie eine gute Sicht, sowohl auf den Ausgang, als auch zur Theke, hinter der die Bedienungen hin und her eilten.

Die drei Damen erhoben sich nun von ihren Plätzen und schlenderten, immer noch im kichernden Gespräch, durch das Café. „ … und erst das Rosarote! Köstlich, sage ich euch! Und das Preis-Leistung-Verhältnis ist auch tip top!“

Eilfertig lief Pappnase Anton voraus und öffnete mit einer leichten Verbeugung die Tür.

Cleo zögerte keine Sekunde, flitzte los wie ein Komet und erreichte die Gruppe gerade rechtzeitig, um gemeinsam mit ihr das Lokal zu verlassen.

Der Kellner fluchte, als er sie erkannte und hätte ihr beinahe noch den Schwanz eingeklemmt. Danach riss er die Tür wieder auf und schrie: „Dann hau‘ doch ab, du Mistvieh!“

Empört flogen drei behütete Damenköpfe herum.

„Hast du das gehört, Friedchen? Die haben uns aber das letzte Mal gesehen, das schwöre ich dir. So eine Unverschämtheit!“

Cleo lachte. Dann warf sie einen nachdenklichen Blick auf den Lieferwagen und machte sich langsam auf den Heimweg. Sie wusste, dass sie noch Zeit hatte, bis ihre Familie wieder zurückkehren würde und trottete in Richtung Schinkelgasse (oder hieß die Schinkengasse?), wo der Metzger wohnte.

Tausend Gedanken purzelten durch ihren Kopf.

Wie sollte sie als kleiner Straßenköter den Glatzkopf überführen? In diesem Café konnte sie sich jedenfalls nicht mehr sehen lassen, der Kellner würde sie ermorden.

Sie seufzte und überdachte ihre Lage.

 

Würde sie überhaupt jemals wieder in ihren Menschenkörper zurückkehren? Wieder eine schmale Mädchenfigur, seidige braune Haare und grün-graue Augen haben? Und in ganzen Sätzen reden können? Wie glücklich wäre sie. Sie würde sich auch klaglos mit den Sommersprossen auf der Nase abfinden und dem schiefgewachsenen Zeh.