Amanda und die Ahnen

Eine Prise DDR

 

Anmeldung bei der Volkspolizei

 

Wir sind eine geteilte Familie. Unser Teil lebt nach Ansicht meiner Eltern auf der sonnigen Seite, wir haben ein schönes Auto, Bananen und die große Freiheit.

Meine Sicht auf die DDR ist eine ganz eigene, natürlich lokal begrenzt und emotional.

Ich finde, hier scheint die Sonne viel öfter als im verregneten Sauerland, darum brauche ich kein Auto, sondern fahre mit dem Fahrrad zum nahe gelegenen See. Der Garten ist voller Obst und ich bin frei wie nie, denn es sind Ferien. Birgt die Schule nicht die höchste Form von Freiheitsberaubung überhaupt?

In dieser Umgebung befindet sich mein kleines, persönliches Paradies. Klar gibt es Spannungen in der Familie, doch was geht mich das an?

 

Den einen oder anderen Knacks im Paradies kann ich trotzdem nicht ignorieren.

Am nächsten Tag müssen wir in die Stadt fahren, um uns polizeilich anzumelden. Dies muss innerhalb der ersten 24 Stunden nach der Ankunft geschehen.

Schon im Auto maule ich: „Muss ich da unbedingt dabei sein?“

Mit Grauen denke ich an den langen Flur, die Wände mit amtsgrüner, abblätternder Farbe bedeckt, unbequeme Holzstühle, falls man einen Platz bekommt und der Mann mit dem Spitzbart an der Stirnseite, der nicht lächelt, ewig lange Wartezeit, nur um einen Stempel in den Ausweis zu bekommen.

Und dabei ginge ich jetzt so gern die lange Straße mit den kleinen Läden entlang, mit wachem Blick für all die ungewöhnlichen Kostbarkeiten, die ich dort entdecke. Dinge wie Emaillegeschirr oder mechanische Handrührgeräte, die bei uns längst ausgestorben sind oder nie erfunden wurden.

Das Allerbeste daran ist: Ich habe Geld!

In der DDR Verwandtschaft hat es sich längst herumgesprochen, dass Uta es problemlos  schafft, ihr Geld für nützliche Dinge auszugeben.

Im Gegensatz zu den anderen Familienmitgliedern, die behaupten, es gäbe hier nichts Brauchbares zu kaufen.

Das Geld fliegt mir also zu, auch von dem täglichen Zwangsumtausch von 25,- DM pro Person profitiere ich.

Doch zunächst muss ich mich in Geduld üben. Wir haben Pech, viele Menschen warten in dem Flur, wir ergattern zwei Sitzplätze und wechseln uns mit dem Sitzen ab, anderthalb Stunden lang.

Wir Kinder dürfen nicht laut sein und so tauschen wir gedämpft Albernheiten aus und verbotene Witze.

Familiengeheimsprache, es genügen oft schon Blicke und eindeutige Handbewegungen. Die Stimmung kann jederzeit kippen und, bestenfalls, in haltlosen Lachanfällen münden. Die Anspannung der Erwachsenen verstärkt die Unnatürlichkeit dieser Situation.

Endlich dürfen wir eintreten. In dem großen, hohen Raum, grüne Wände auch hier, befinden sich vier oder fünf Schreibtische, auf Podesten stehend, und dadurch riesig und furchteinflößend.

Ich trete nach Aufforderung auf einen zu und reiche der Volkspolizistin meinen Reisepass hinauf. Meine Stimmung ist gereizt, ich bin das Warten leid. Sie nimmt das Dokument entgegen, schaut abwechselnd auf das Foto und auf mich, immer hin und her, um anschließend, quälend  lange, darin zu blättern.

Du meine Güte, was gibt es denn an so einem Ausweis zu studieren? Dann die Frage:

              „Wie heißen Sie?“

Ja, kann die dumme Kuh nicht lesen?

              „Das steht doch da!“

Eine Sekunde lang Schockstille, dann legt sie los und schreit mich in Grund und Boden.

Ich kann mich später nicht mehr daran erinnern, was sie alles brüllt, jedenfalls bin ich danach zehn Zentimeter kleiner, den Tränen nahe und sage kein Wort mehr.

Kurioserweise fühle ich mich aber gleichzeitig geschmeichelt, dass sie mich gesiezt hat.

Das Schlimmste nach diesem Vorfall ist, dass auch meine Eltern fassungslos und empört sind.

Ja, meine gesamte Familie überschüttet mich mit Vorwürfen und ist anscheinend der Meinung, ich hätte sie alle in Todesgefahr gebracht.

Es waren vier Wörter!